Datum: 12.05.2023

Nahrungsmittel bleiben teuer

Interview mit der Geschäftsbereichsleiterin Verbraucherpolitik Michaela Schröder

Michaela Schröder

Quelle: Gert Baumbach - vzbv

Warum sind Lebensmittel immer noch so teuer?

Michaela Schröder: Die Inflation spielt bei den hohen Nahrungsmittelpreisen eine Rolle, ist aber nur ein Grund von vielen. Wir sind davon überzeugt, dass die Nahrungsmittelpreise deswegen auch in absehbarer Zeit auf einem hohen Niveau bleiben werden. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit werden die Preise auch in den nächsten Jahren nicht wieder auf das Niveau des Vorjahres oder auf das Niveau von vor zwei, drei Jahren zurückgehen. Zum einen liegt das an den gestiegenen Energiekosten. Viel ist auch abhängig von klimabedingten Ernteausfällen, etwa durch Trockenheit. Das ist ein relevanter Faktor, der dazu beiträgt, dass wir davon ausgehen, dass die Preise so hoch bleiben.

Das heißt, das Klima wird jetzt eine immer größere Rolle spielen bei den Nahrungsmittelpreisen. Aber nicht jedes Lebensmittel kommt ja vom Acker. Es wirkt fast so, als sei das zum Teil willkürliche Preismache.

Das ist auch unser Eindruck. Aber wir können das nicht belegen. Was wir vermuten, sind gewisse Mitnahmeeffekte – diesen Rückschluss lassen eigene, aber auch externe Untersuchungen zu. Wir sehen beispielsweise, dass die Handelsmarken, also die Eigenmarken der Supermärkte, teurer werden. Diese sind in der Regel zwar immer noch günstiger, doch auch da gibt es genug Lebensmittel, bei denen sich nicht erschließt, woher jetzt diese Preissteigerungen kommen. Unsere Verbraucherzentrale in Hamburg kürt jeden Monat die Mogelpackungen des Monats. Auch hier sehen wir eine Vielzahl an Fällen, wo Verpackungen verkleinert werden und der Preis gleich bleibt, oder noch dreister, die Verpackung wird kleiner und der Preis steigt.

Nun kann ich ja mein Mehl nicht selber mahlen oder meinen Wein selber produzieren. Insofern haben Lebensmittelhersteller oder Einzelhändler ja auch eine riesige Verantwortung. Sind sie mit dieser Verantwortung nicht zu einer gewissen Transparenz verpflichtet?

Ja, Preisbildung im Lebensmittelbereich muss transparenter werden und wir fordern die Politik auf, dass Behörden wie das Bundeskartellamt so etwas auch überprüfen können. Der einzelne Verbraucher muss in der Komplexität seines Alltags ohnehin schon stark aufs Geld achten und beim Einkaufen Preise vergleichen. Und dann kommen auf die Verbraucher auch noch solche Tricks hinzu. Für manche ist das einfach ärgerlich, für andere jedoch ein echtes Problem. Sie können sich diese Preise einfach nicht mehr leisten. Sie kommen mit ihren Beschwerden in die Verbraucherzentralen oder zum Bundeskartellamt – wir haben aber keine rechtlichen Instrumente an der Hand. Und da kann sich die Bundesregierung nicht hinstellen und sagen: "Ja, die Preisgestaltung im Lebensmittelbereich ist sehr komplex", und es dann dabei belassen. Das ist inakzeptabel. Deswegen müssen Aufsichtsbehörden, in die Lage versetzt werden, so etwas zu überprüfen – und das auch proaktiv. Dann braucht es auch eine ganzheitliche Strategie gegen Ernährungsarmut. Es geht ja nicht nur um Transfergeldempfänger, sondern wir haben viele in den unteren Einkommensgruppen, die sich schon vor dem starken Anstieg der Lebensmittelpreise keine ausgewogene Ernährung leisten konnten. Die sagen, ich lasse jetzt eine Mahlzeit aus, das kaufe ich, den Rest kann ich mir nicht mehr leisten. Leider wissen wir aber eigentlich gar nicht, wie viele Leute von Ernährungsarmut betroffen sind. Das liegt auch daran, dass es dazu keine statistische Erfassung gibt. In Großbritannien wird das offiziell erfasst. In Deutschland leider überhaupt nicht.

Das heißt, es gibt eine berechtigte Sorge, dass viele Familien in die Armut abrutschen?

Das ist eine realistische Gefahr – insbesondere da wir wenig politische Bemühungen haben, da gegenzusteuern. Wir haben zwar die Entlastungsmaßnahmen im Energiebereich, zum Beispiel Strompreisbremse und Gaspreisbremse, aber das reicht nicht. Wir brauchen einerseits Entlastungsmaßnahmen wie höhere Regelsätze für Transfergeldempfänger, eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte auf null, höhere Löhne insbesondere für die unteren Einkommensgruppen. Und es braucht auch einen Staat, der sich kümmert, der mit seinen Aufsichtsbehörden hinschaut und sagt: Diese Preiserhöhung ist nicht rechtens, dagegen gehen wir vor. Die Transfergeldempfänger und die, die im Niedriglohnsektor arbeiten, müssen im Verhältnis am allermeisten für ihre Lebensmittel ausgeben. Gerade von der Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte würden sie deutlich profitieren. Und auch beim neuen Bürgergeld müssen die Beitragssätze für Lebensmittel dringend erhöht werden.

Und wir setzen uns auch dafür ein, dass in der Gemeinschaftsverpflegung in Kitas, Schulen, Hochschulen, bei Geringverdienern, in Unternehmen, im öffentlichen Dienst, oder sozialen Einrichtungen der Beitrag reduziert wird. Das kann eine riesige Entlastung für viele Familien sein, wenn zumindest die Kinder schon eine warme Mahlzeit sicher haben.

Wie groß ist die Sorge der Menschen?

In der Beratung in den Verbraucherzentralen merken wir sehr deutlich, dass das wirklich etwas ist, das sehr, sehr viele Leute umtreibt. Am Anfang waren es die steigenden Energiepreise. Jetzt beschäftigen auch sehr viele Menschen die steigenden Lebensmittelpreise. Unsere Verbraucherzentralen konzentrieren sich darauf, die Menschen zu informieren. Wie kann man selbst kochen und sich günstig ernähren? Welche Produkte in welcher Saison oder Region sind günstig? Das ist ein ganz wesentliches Element unserer Arbeit. In die Beratung kommen aber auch Menschen, die schon intensiv Haushaltsbuch führen, um irgendwie zu schauen, wie man mit dem Geld auskommen kann. Wir können versuchen, den Leuten dann ganz konkret in dem Moment zu helfen. Aber manche haben schon überall gespart. Am Ende brauchen die Leute finanzielle Entlastung durch die Politik.

Das Interview erschien zuerst bei ver.di publik. Die Fragen stellte Rita Schuhmacher.

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