Datum: 15.10.2021

Gleiche Chancen für alle Kinder: Warum Verbraucherbildung mehr Engagement braucht

Gastbeitrag von Klaus Müller im Bildungsmagazin News4teachers

Foto von Klaus Müller, Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband

Quelle: Corinna Guthknecht - vzbv

Ist das Erlernen von Alltagskompetenzen allein Familiensache – oder ist es auch die Angelegenheit von Schule, Schülerinnen und Schüler zu mündigen Konsumentinnen und Konsumenten zu erziehen? Um Kinder und Jugendliche mit Verbraucherbildung angemessen auf die Zukunft vorzubereiten, sollten vor allem Bund und Länder endlich besser zusammenarbeiten, fordert der Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands Klaus Müller in seinem folgenden Gastbeitrag.

Ein mangelhaftes Zeugnis in Sachen Finanzbildung stellten in den vergangenen Wochen gleich mehrere Studien jungen Menschen in Deutschland aus. So konnten laut einer Studie des Bankenverbands unter 700 Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren 44 Prozent nichts mit dem Begriff Inflationsrate anfangen. Im Rahmen einer Umfrage der Finanztip Stiftung unter 3.082 Menschen zwischen 16 und 69 Jahren wusste die Hälfte nicht, wann Dispozinsen beim Girokonto anfallen. Vor allem Jüngere zeigten größere Wissenslücken.

Der Ruf nach einem Schulfach Wirtschaft wurde laut. Aber ist das die Lösung?

Es geht um mehr als Finanzbildung

Wir sollten keine Zeit für Schulfach-Diskussionen aufwenden. Wir können vielmehr auf erprobte Strukturen aufbauen, die aber konsequent ausgebaut werden müssen, um junge Menschen für ihre Zukunft zu stärken. Und da ist die Sicht allein auf Finanzbildung zu verengt.

Ziel muss doch sein, dass Heranwachsende generell in der Lage sind souverän und kritisch zu entscheiden, wenn sie Produkte kaufen und Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Das schließt das Thema Finanzen ein, und geht weiter bei Ernährung, Gesundheit, digitalen Medien und den Fragen eines verantwortungsvollen Konsums.

Wer die Schule verlässt und auf eigenen Beinen steht, sollte wissen, dass Zinsen anfallen, sobald das Girokonto in den Dispo rutscht. Aber bereit für den Alltag zu sein, heißt auch: Dass ich mein Budget so plane, dass es für Rechnungen, Lebensmittel und Freizeit reicht, möglichst ohne Dispo. Dass ich digitale Medien und soziale Netzwerke bewusst nutze. Dass ich weiß, dass Umwelt und Arbeiterinnen einen hohen Preis für Fast Fashion und immer neue digitale Endgeräte zahlen. Dass es sich für den Geldbeutel und die Gesundheit lohnt, die Werbebotschaften im Supermarkt zu hinterfragen.

Jugendliche selbst bemängeln immer wieder, dass sie zwar Funktionen ableiten und Gedichte analysieren können, aber über wenig alltagspraktisches Wissen rund um Vorsorge oder die erste eigene Wohnung verfügen. Ähnlich sieht es mit Blick auf den Bereich Nachhaltigkeit aus: Laut Greenpeace Nachhaltigkeitsbarometer 2021 fühlen sich mehr als 60 Prozent der Schüler:innen durch die Schule nur wenig oder gar nicht gut auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet.

Verbraucherbildung schafft gesellschaftliche Teilhabe

Hier setzt Verbraucherbildung an. Sie vermittelt grundlegende Kompetenzen, um souverän durch den Alltag zu navigieren, beim Konsum von Produkten, Dienstleistungen und Medien kritisch zu bleiben und auch die Folgen für sich, Gesellschaft und Umwelt zu berücksichtigen.

Es gibt Stimmen, die fordern, dass die Vermittlung von Alltagskompetenzen in die Familien gehört. Die Voraussetzungen in den Haushalten sind aber höchst unterschiedlich. Wenn wir als Gesellschaft verhindern wollen, dass die Kinder von heute in einigen Jahren in die Schuldenfalle tappen, aufgrund von Fehlernährung gesundheitliche Folgen zu tragen haben oder Fake News nicht von Fakten unterscheiden können, dann müssen wir Verbraucherbildung an Schulen bundesweit systematisch fördern. Das ist auch eine Frage von gesellschaftlicher Teilhabe und der Integration aller Bevölkerungsgruppen.

Der Meinung sind nicht nur wir Verbraucherschützer. Schon 2013 hat die Kultusministerkonferenz (KMK) in einem Beschluss festgehalten, dass Verbraucherbildung als lebenslanger Prozess und zentrales Element einer Bildung zu verstehen ist, „die sowohl auf aktuelle als auch künftige Herausforderungen im Privat- wie auch im Berufsleben vorbereitet“. Diese Herausforderungen lassen sich nicht immer ganz eindeutig in die Schublade „Finanzen“ oder „Ernährung“ einordnen. Großer Vorteil von Verbraucherbildung ist deshalb, dass sie verschiedene Handlungsfelder vernetzt, die da sind:

  • Finanzen, Marktgeschehen, Vertragsrecht
  • Ernährung und Gesundheit
  • Medien und Information
  • Nachhaltiger Konsum und Globalisierung.
Verbraucherbildung kennt kein Mindestalter

Im KMK-Beschluss heißt es weiter, dass Verbraucherbildung Kinder und Jugendliche während der gesamten Schulzeit begleiten soll. Es gibt also kein „zu früh“, Verbraucherbildung setzt kein Mindestalter voraus. Schon die Kleinsten können lernen, dass Gemüse gesünder als Currywurst und dass Taschengeld endlich ist.

Doch trotz des KMK-Beschlusses vor acht Jahren hat sich bundesweit bislang zu wenig verändert. Zwar haben sich Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen, Berlin und Brandenburg bereits auf den Weg gemacht und zeigen, was möglich ist. Andere Länder haben aber noch Nachholbedarf.

Auch auf schulischer Ebene gibt es Best-Practice-Beispiele, aus denen sich lernen lässt. Die Verbraucherschulen, die der Verbraucherzentrale Bundesverband seit 2016 auszeichnet, zeigen in lebensweltorientierten und partizipativen Maßnahmen, wie Verbraucherbildung funktionieren kann. Das Projekt „Tschüss Hotel Mama“ einer Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein etwa thematisiert über ein Halbjahr, was es heißt auf eigenen Beinen zu stehen, eine Wohnung zu finden und sich selbst zu versorgen. Die zehnte Klasse eines Gymnasiums aus Rheinland-Pfalz schaute sich gemeinsam mit einem Youtuber die Funktionsweise sozialer Netzwerke genauer an und lernte auf diese Weise unter anderem sich kritisch mit den Inhalten auseinanderzusetzen.

Bund muss Verbraucherbildung stärken und fördern

Das Engagement, die Ideen und erprobte Strukturen sind vereinzelt da – die Ziele des KMK-Beschlusses damit aber keinesfalls erfüllt. Dafür ist das länderübergreifende Bild zu uneinheitlich, zu unstrukturiert und unzureichend. Es ist an der Zeit, dass Bund und Länder zusammenarbeiten, um Verbraucherbildung in Deutschland den entscheidenden Schub zu geben:

Der Bund muss Verbraucherbildung stärken und fördern. Wie bei Bildung für nachhaltige Entwicklung, bei globalem Lernen oder digitaler Bildung sollte der Bund auch bei Verbraucherbildung die Möglichkeit nutzen, die Länder in der Umsetzung zu unterstützen.

Verbraucherbildung muss bundesweit in allen Schulformen etabliert werden. Alle Länder müssen Verbraucherbildung als eigenen, prüfungsrelevanten Bestandteil verankern, am besten mit einem ausgewiesenen Ankerfach und/oder fachübergreifend.

Verbraucherbildung braucht gut geschulte Lehrkräfte. Bislang ist die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften im Bereich Verbraucherbildung lückenhaft. Im Ergebnis bedeutet es, dass junge Menschen trotz erster guter länderspezifischer Ansätze in der Fläche keine strukturierte und integrierte Verbraucherbildung erhalten. Um Lehrkräfte zu stärken braucht es ein bundesweit nutzbares Bildungsangebot, im virtuellen wie analogen Raum.

Verbraucherbildung braucht qualitativ hochwertige Unterrichtsmaterialien. Gerade bei den alltagspraktischen Themen der Verbraucherbildung gelangen Unternehmen noch zu oft über die Hintertür in die Schulen. Zum Beispiel wenn ein Lebensmittelhersteller im kostenfreien Unterrichtsmaterial Rezeptvorschläge mit den eigenen Produkten platziert. Zwar gibt es mit dem Materialkompass eine praktische Unterstützung für Lehrkräfte, um werbefreie und unabhängig geprüfte Unterrichtsmaterialien der Verbraucherbildung zu finden. Doch eine generelle Verständigung darauf, dass das Lernumfeld frei von wirtschaftlichen Interessen sein muss, steht noch aus.

Die nächste Bundesregierung hat es in der Hand, gemeinsam mit den Ländern Verbraucherbildung bundesweit auf einen neuen Standard zu heben. Damit alle Kinder und Jugendlichen die gleiche Chance haben, den Anforderungen in einer zunehmend globalen, vernetzten, digitalisierten und komplexen Welt der Waren und Dienstleistungen gerecht zu werden – egal ob in Schleswig-Holstein oder Bayern, im Saarland oder in Sachsen.

Der Gastbeitrag erschien am 9. Oktober 2021 auf news4teachers.de.

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