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Datum: 20.02.2023

Deutschlandabo statt 9-Euro-Ticket: Wieso kompliziert, wenn es einfach geht?

Standpunkt von Marion Jungbluth, Leiterin Team Mobilität und Reisen zum Deutschlandticket

Damit das ÖPNV-Sommermärchen Neun-Euro-Ticket ein Happy End bekommt, müssen noch einige offene Fragen geklärt werden. Damit alle Menschen profitieren, braucht es vor allem ein „Sozialticket“ für 19 Euro pro Monat. Ein Standpunkt von Marion Jungbluth, Leiterin Team Mobilität und Reisen des Verbraucherzentrale Bundesverbands.

Frau am Bahnhof_Lara Zahner - AdobeStock

Quelle: Lara Zahner - AdobeStock

Deutschland hatte ein Sommermärchen. Eins, das nicht durch den Fußball kam, sondern öffentlichen Verkehrsmitteln die Bühne bereitete. Verbraucher:innen nutzten von Juni bis August 2022 Busse und Bahnen und wagten sich mit Regionalzügen auf lange Strecken. Die Stimmung war überwiegend gut. Das Abenteuer Nahverkehr gab es zu einem unschlagbar günstigen Preis und ohne den berüchtigten Tarifdschungel.

Die Begeisterung setzte politische Entscheider:innen unter Druck, ein ähnlich attraktives Angebot zu kreieren. Doch dem Neun-Euro-Ticket-Sommermärchen folgten lange Monate Hängepartie: Geht es weiter? Wenn ja, wie? Wann kommt das Nachfolgeticket? Knapp ein halbes Jahr später wissen wir es endlich: Das Deutschlandticket kommt zum 1. Mai 2023, gilt bundesweit, kostet 49 Euro im Monat im Abo und ist monatlich kündbar.

Das Deutschlandticket – eine Mogelpackung?

Alles klar? Leider nein. Weiterhin sind viele Fragen offen. Das Deutschlandticket ist als Nachfolgeticket des Neun-Euro-Tickets in vielerlei Hinsicht eine Mogelpackung. Die Ähnlichkeit ist beschränkt auf die deutschlandweite Gültigkeit. Das Deutschland-Abo überzeugt weder beim Preis noch bei den Konditionen. Es besteht die Gefahr, dass es nicht gelingt, die Menschen zu begeistern und neue Fahrgäste zu gewinnen. Damit würde dem Klimaschutz ein Bärendienst erwiesen – und das ÖPNV-Sommermärchen 2023 ausfallen.

Zum einen ist völlig unklar, wie die Umstellung der bisher bestehenden ÖPNV-Abos auf das Deutschlandticket erfolgen wird. Erste Verkehrsunternehmen bieten zwar schon die Abo-Umstellung per Online-Formular an. Allerdings wird nicht transparent gemacht, ob Mitnahme- oder Übertragungsmöglichkeiten vorheriger Abos wegfallen. Zwar ist fest zugesagt, dass das Abo monatlich kündbar ist. Nicht bekannt ist aber, ob dabei Gebühren anfallen.

Allgemein hat das Abo-Modell Nachteile: Nicht selten führen sie zur ungewollten Vertragsverlängerung, die zur Kostenfalle wird. Die Gefahr kann Verbraucher:innen mitunter davon abschrecken, das Deutschlandticket zu erwerben – gerade die mit geringem Einkommen, die Monat für Monat rechnen müssen, ob 49 Euro für Mobilität drin sind.

Es besteht die Gefahr, dass Menschen ausgeschlossen werden

Dazu kommt, dass viele Verkehrsunternehmen eine Bonitätsprüfung durchführen, bevor sie ein Abo verkaufen. Fehlende Bonität darf aber nicht dazu führen, dass Menschen von der Buchung des Deutschlandtickets ausgeschlossen werden. Auch die Digitalisierung darf nicht zur Exklusion führen. Ein digitales Ticket hat klare Vorteile. Aber der Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln muss diskriminierungsfrei erfolgen. Menschen ohne Smartphone dürfen nicht ausgeschlossen werden. Ein analoger Kauf sollte daher mindestens an Schaltern weiterhin möglich sein.

Um einen wirklichen Anreiz für den Umstieg auf die öffentlichen Verkehrsmittel zu schaffen, hatte der vzbv wiederholt ein bundesweit gültiges 29-Euro-Ticket gefordert, das auch monatlich erworben werden kann. Insbesondere für Empfänger:innen von Transferleistungen, aber auch Geringverdienende ohne staatliche Leistungen, sind 49 Euro zu viel. Eine preisreduzierte Variante ist deshalb notwendig, um den ÖPNV dauerhaft für alle Einkommensgruppen nutzbar zu machen. Der vzbv fordert, ein bundesweites „Sozialticket“ für 19 Euro pro Monat parallel zum 49-Euro-Ticket einzuführen.

Auch das Angebot muss stimmen

Und: Das beste deutschlandweite Ticket nutzt nichts, wenn kein Bus fährt, Fahrten ständig ausfallen oder das Ziel verspätet erreicht wird. Das Angebot muss stimmen, um eine echte Mobilitätswende zu erreichen. Deshalb müssen Bund und Länder auch die Weichen für einen massiven Ausbau des ÖPNV stellen. Der Ausbau- und Modernisierungspakt muss schnellstmöglich verabschiedet und umgesetzt werden. 

Die bundesweite Gültigkeit ist unbestritten ein Meilenstein in der Geschichte der sonst eher unbeweglichen ÖPNV-Branche. Waren in den letzten Jahrzehnten doch noch alle Bemühungen gescheitert, dass sich die rund 75 Verkehrsverbünde und etwa 450 Unternehmen im öffentlichen Personennahverkehr auf einheitliche Konditionen verständigen. Ticket- und Tarif-Wirrwarr galten als unüberwindbar. Dabei bestätigten Umfragen im Auftrag des vzbv immer wieder, dass unübersichtliche Tarifsysteme neben zu hohen Ticketpreisen oder zu vollen Verkehrsmitteln die größten Hindernisse sind, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.

Die Hoffnung bleibt, dass die Umstellung auf das neue gemeinsame Ticket weitere Veränderungen ins Rollen bringt und damit das System effizienter und verbraucherfreundlicher wird. Und dass das ÖPNV-Sommermärchen 2022 ein Happy End bekommt.

Dieser Beitrag ist zuerst im Tagesspiegel Background Verkehr und Smart Mobility erschienen.

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