Datum: 15.02.2008

Globalisierung - Der Verbraucher entscheidet

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Gastkommentar von Julia Klöckner, MdB, Verbraucherschutzbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, in der vpk - Verbraucherpolitische Korrespondenz (Januar/Februar 2008 Nr. 13)

Globalisierung geschieht nicht einfach, aber sie ist da. Die Frage ist, wie wir mit dem Prozess der Internationalisierung umgehen. Globalisierung ist gestaltbar. Und der Verbraucher ist machtvoller, als er es selbst glaubt. Denn Globalisierung wird entscheidend von den Konsumenten vorangetrieben. Sie ist zu einem großen Teil das Resultat einer Abstimmung, die alle Bürger täglich an den Ladenkassen mit ihren Geldscheinen oder beim Einkauf über das Internet treffen.

Das Angebot an Waren in unseren Supermärkten ist mit dem schrittweisen Fall der Handelsgrenzen deutlich breiter und interessanter geworden, die Preise vieler Produkte und Dienstleistungen sind in diesem Wettbewerb gesunken, die Qualitäten oft gestiegen. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Denn Produzent und Konsument sind oft Tausende von Kilometern voneinander entfernt. Die Informationen sind nicht selten unzutreffend oder undurchsichtig. Zwischen den Produkt- und Produktionsstandards einzelner Länder liegen im wahrsten Sinne des Wortes Welten. Die Produktionsbedingungen, unter denen die Güter für den globalen Markt hergestellt werden, sind oftmals prekär und entsprechen nicht unseren Anforderungen an Nachhaltigkeit, Umweltschutz und soziale Standards. Globalisierung ist auch eine Spielwiese für schwarze Schafe, Betrüger und Wirtschaftskriminelle. Das macht die Durchsetzung von Verbraucherrechten im internationalen Kontext zunehmend schwierig. Globale Verbraucherschutzstandards - das ist die große Herausforderung!

Verängstigung, Ablehnung und Bevormundung sind dabei aber keine zukunftsweisende Strategie. Nicht einigeln, sondern Stirn zeigen, ist der Gegenentwurf der Union. Schaffung fairer Wettbewerbsbedingungen, internationale Standardsetzung, grenzüberschreitende Rechtssicherheit und verbindliche Durchsetzung von Verbraucherrechten sind die Leitplanken auf der Globalisierungsautobahn. Der Verbraucher ist nicht Opfer und nur Beifahrer, sondern sitzt als Gestalter mit am Steuer. Seine Aufgabe: Er muss die Entschei-dungsspielräume wahrnehmen und eigenverantwortlich handeln. Diese Rolle wird er nur dann aktiv annehmen, wenn er auf Augenhöhe entscheiden kann. Vier Voraussetzungen sind dafür wichtig:
  1. Wettbewerb macht Verbraucher stark: Er treibt die Unternehmen an, auf die Verbraucherwünsche einzugehen. Monopol- oder Kartellbildung schränken die Wahlfreiheit des Verbrauchers ein.

  2. Entscheidungsfreiheit statt Überregulierung: Nimmt man dem Verbraucher die Wahl, kann er seine Aufgabe als Gestalter nicht wahrnehmen. Ein Beispiel sind gentechnisch hergestellte Lebensmittel. Solange sie bei uns nicht gekennzeichnet im Regal zu finden sind, weiß niemand zuverlässig, ob diese Lebensmittel akzeptiert oder abgelehnt werden.

  3. Information ist der Schlüssel zur Mündigkeit: An erster Stelle steht die Etikettierung der Produkte. Sie muss kurz, prägnant, relevant und wahr sein. Zuviel Information bewirkt das Gegenteil. Erst wenn Produkte und Dienstleistungen vergleichbar sind, hat der Verbraucher das Wort. Deshalb ist Transparenz durch die Einführung international gültiger Gütesiegel wichtig. Produktionsbedingungen sind notwendige Informationen, um den wahren Wert beurteilen zu können.

  4. Verbraucherbildung schafft Bewusstsein: Dem Verbraucher muss klar werden, dass er Teil der Wirtschaft ist und ihr nicht hilflos gegenübersteht. Seine Entscheidung auf Mikroebene hat Auswirkungen auf die Makroebene. Wirtschaftliche Zusammenhänge müssen genauso in der Schule vermittelt werden wie Verbraucherkompetenzen. Neben den Verbraucherverbänden sind die Medien, insbesondere die öffentlich-rechtlichen, prädestiniert für eine erweiterte Verbraucherbildung.

Der Verbraucher, der seine Bedeutung als individueller Gestalter der Globalisierung kennt, trifft nicht nur bewusster seine Kaufentscheidungen, sondern auf ihn werden auch Hersteller, Handelsunternehmen und Politiker stärker eingehen. Der Verbraucher kann entscheiden. Und was er nicht kauft und nicht in Anspruch nimmt, unterstützt er auch nicht. Wer dann noch für 29,90 Euro den Billigflieger nach Berlin nimmt, um gegen Lohndumping zu demonstrieren, hat in der Schule beim Rechnen nicht aufgepasst.