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29.12.2011 > Onlinemeldung

Verbraucherpolitik neu denken

Quelle: 
opolja - fotolia.com

Ist einem massenhaften Verbraucherproblem durch eine gesetzliche Informationspflicht beizukommen? Worauf kann die Politik bei ihrer Entscheidungsfindung zurückgreifen? Das Leitbild des mündigen Verbrauchers darf nicht mit der Realität verwechselt werden. Ein kluger Mix von Maßnahmen ist gefragt.

Worauf kann die Politik bei ihrer Entscheidungsfindung zurückgreifen? Auf ein unabhängiges Aufklärungsprogramm, eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft, ein gesetzliches Verbot? Oder ist auf die Kraft der wettbewerblichen Selbststeuerung zu setzen?

Leitbild vom mündigen Verbraucher auf dem Prüfstand

Primäre Richtschnur ist bislang das Leitbild vom mündigen Verbraucher. Dies ist aber eine normative Zielvorstellung – die Realität ist anders. Vor allem die Erkenntnisse aus der verhaltensökonomischen Verbraucherforschung (Behavioral Economics) räumen mit der Vorstellung auf, ein Verbraucher reagiere rein rational und nutzenmaximierend (Homo Oeconomicus), wenn er hinreichend informiert ist und aus einer breiten Angebotspalette auswählen kann. Das tatsächliche Verhalten ist auf den ersten Blick banaler: Verbraucher reagieren häufig intuitiv. Sie reden sich Situationen schön oder – genau umgekehrt – bewerten Erfahrungen zu negativ. Sie nehmen Informationen selektiv wahr. Und sie folgen einfachen Entscheidungsregeln – Heuristik nennt man das, also die Kunst, mit begrenztem Wissen und wenig Zeit zu akzeptablen Lösungen zu kommen.

Vielfältige Lebensformen, individualisierte Konsumstile

Dieses bedingt rationale Verhalten erstaunt nicht. Es erklärt sich daraus, dass, "Entscheidungssituation, Marktstrukturen oder persönliche Möglichkeiten und Einstellungen sehr unterschiedlich sein können. Auch wollen und können nicht alle die gleiche Verantwortung übernehmen.“ So ein Zitat aus einem Bericht des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesverbraucherministeriums (BMELV).

Herkunft, Lebenssituation, Konsumstile, andere soziale Rollen – Verbraucherpolitik nimmt auf diese Realitäten bislang wenig Rücksicht, sie sieht den Verbraucher isoliert als Marktteilnehmer. 

Benötigt: Ein verbraucherpolitischer Werkzeugsatz

Um in dieser unübersichtlichen Gemengelage einen Kompass für angemessene, geeignete verbraucherpolitische Maßnahmen zu haben, bedarf es zunächst deutlich mehr an Empirie über das Verhalten von Verbrauchern und Anbietern, über Marktstrukturen und die Wettbewerbssituation.

Anders als in der Wirtschaftspolitik, wo wir monatlich über die Lage in verschiedensten Wirtschaftszweigen informiert werden, fehlt ein regelmäßiger Lagebericht zu den rund 80 Millionen Verbrauchern in Deutschland.

Stärker empirisch basierte Konzepte werden aber den Erfolg künftiger Verbraucherpolitik ausmachen. Es gibt erste Mosaiksteinchen – aber noch kein Gesamtbild. Jenseits von ad hoc-Verbraucherumfragen, die thematisch meist eng gestrickt und auch nicht immer repräsentativ sind, ist vor allem auf die Verbrauchermonitore hinzuweisen, die Länder wie Bayern, Berlin und Baden-Württemberg in den letzten Jahren herausgegeben haben.

Erstmals hat das Bundesverbraucherministerium Anfang 2011 die Erstellung eines Lageberichts in Auftrag gegeben – mit den Ergebnissen ist 2012 zu rechnen. Die Verbraucherorganisationen, die größte statistische Quelle, werten ihre Verbraucherkontakte aus den Beratungen und Beschwerden systematisch aus, vor allem auch vor dem Hintergrund ihrer Marktwächterfunktion. Die Aufgabe ist allerdings derart ressourcenintensiv, dass ein Ausbau auf Unterstützung angewiesen ist. Am Weitesten ist derzeit die Europäische Union, die seit 2007 jährlich ein Verbraucherbarometer - Consumer Markets Scoreboard - mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten veröffentlicht.

Zweite Voraussetzung für die Ermittlung passender verbraucherpolitischer Werkzeuge ist die Stärkung der Verbraucherforschung.

Verbraucherpolitik muss stärker als bisher ihre Maßnahmen auf Praxistauglichkeit und Wirkung evaluieren. Ein probates Mittel hierfür ist die Gesetzesfolgenabschätzung, festgehalten in der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien. In § 44 Absatz 4 besteht hierfür seit Sommer 2009 ein erster guter Ansatz. Dort heißt es nämlich, dass jedes neue Gesetz hinsichtlich seiner Auswirkungen für Verbraucher geprüft werden muss. Dafür ist das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz einzubeziehen, auch die Verbraucherverbände.

Noch hat diese Regelung in der Praxis allerdings eher den Charakter eines Papiertigers.

Mit aussagekräftiger Empirie, praxistauglichen wissenschaftlichen Erkenntnissen und einer Bestands- und Wirkungsanalyse der verbraucherpolitischen Instrumente würde der verbraucherpolitische Werkzeugkasten aufgeräumt: Abgenutzte Werkzeuge würden gegen neue effiziente ausgetauscht.

Im Download finden Sie

  • die Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats Verbraucher- und Ernährungspolitik beim BMELV - Dezember 2010 :
    Der vertrauende, der verletzliche oder der verantwortungsvolle Verbraucher?
    Plädoyer für eine differenzierte Strategie in der Verbraucherpolitik
  • Die Studie Behavioral Economics – eine neue Grundlage für Verbraucherpolitik?
    verfasst von Prof. Dr. Andreas Oehler, Universität Bamberg und Prof. Dr. Lucia A. Reisch, Copenhagen Business School, Dänemark

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