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07.02.2012 > Onlinemeldung

Kinder lassen Kassen klingeln

Die Lebensmittelindustrie hat die Zielgruppe der Ein- bis Dreijährigen entdeckt
Quelle: 
opolja - fotolia.com

Sie tragen Aufdrucke wie „KIDS“ oder „extra für Kinder“, schillern in Rot, Grün und Gelb oder sind mit Phantasiegestalten und Comic-Helden geschmückt: Lebensmittel, die speziell für Kinder gemacht sind. Auch speziell für Ein- bis Dreijährige kommen immer mehr Produkte auf den Markt – zwar weniger bunt, dafür aber mit umso mehr Angaben, die sich auf den Nährwert oder deren vermeintlich gesundheitliche Vorteile beziehen. Doch ihr Nutzen ist fraglich.

Die Supermarktregale sind voll von Süßigkeiten, Milchprodukten, Cerealien oder Fertiggerichten, die „das Beste für Ihr Kind“ sein wollen: dank einer Nährstoffanreicherung, der Extraportion gesunder Milch, dem Versprechen, weniger Salz oder Zucker zu enthalten oder schlicht einer bunten Aufmachung. Dass die Botschaft verfängt, zeigt eine aktuelle repräsentative Umfrage im Auftrag des vzbv: Rund 40 Prozent der Verbraucher gehen davon aus, dass diese Produkte im Zucker-, Fett- und Salzgehalt an die Bedürfnisse von Kindern angepasst sind. In Wirklichkeit enthalten die Produkte jedoch häufig besonders viel Zucker, Fett und Salz. Mit ihrem Marketing sprechen die Hersteller die Kinder geschickt an: mit Gutscheinen, Sammelbildern und Spielzeugen in der Verpackung, extra Internetseiten mit Spielen und Videos, Fernsehspots oder mit Prominenten, die bei Kindern gut ankommen. Die Bemühungen des Verbraucherministeriums, die an Kinder gerichtete Werbung für Süßigkeiten und Co. mithilfe einer Selbstverpflichtung einzuschränken, laufen ins Leere. Generell wird im Fernsehen selten für jene Lebensmittel geworben, die laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) auf dem Speiseplan stehen sollten.

Sonderfall Säugling und Kleinkind

Daneben hat sich in den vergangenen Jahren ein neues Marktsegment etabliert. Die Hersteller von Babynahung umwerben die Eltern von Ein- bis Dreijährigen, etwa mit Milch und ganzen Menüs für Kleinkinder oder speziellen Müslis, Fruchtriegeln, Keksen und Säften. Die Produktlinien für „Kleine Entdecker“ oder „Minis“ sind in der Regel mit dem Hinweis auf einen gesunden Inhalt versehen. Was viele Verbraucher nicht wissen: Speziell für Säuglinge (unter zwölf Monate) und Kleinkinder (ein bis drei Jahre) ausgelobte Lebensmittel unterliegen besonderen rechtlichen Regeln. Sie müssen nach dem Diätrecht Anforderungen hinsichtlich Zusammensetzung, Kennzeichnung und Bewerbung erfüllen. So ist Säuglingsanfangsnahrung als Ersatzprodukt für Muttermilch auf die speziellen Ernährungsbedürfnisse von Babys abgestellt. Außerdem gelten strenge Grenzwerte für Rückstände von Pestiziden und Schadstoffen.

Kleinkinder können alles essen

Schwieriger ist es aber mit den besonderen Ernährungsbedürfnissen von Kleinkindern. Aus medizinisch-ernährungswissenschaftlicher Sicht gibt es keine fundierte Begründung für diätetische Lebensmittel für Ein- bis Dreijährige. Im Gegenteil: Ab einem Jahr kann und soll ein Kind nach und nach dieselben Lebensmittel verzehren wie der Rest der Familie. Anders als es das Angebot der Kleinkindernahrung suggeriert, ist eine Spezialkost nicht erforderlich. „Die Produkte helfen den Herstellern, nicht den Kleinkindern“, erklärt Evelyn Schmidtke, Leiterin des Fachbereichs Gesundheit und Ernährung im vzbv.

Verunsicherung der Eltern 

Was ist der Vorteil von einem Kleinkinder-Fruchtriegel oder -„Smoothie“ im Vergleich zu einem dementsprechenden herkömmlichen Produkt? Derartige Produkte verunsichern die Eltern, was auch falsche Ernährungsgewohnheiten fördert. Eltern und Kinder gewöhnen sich an stark verarbeitete, oft aromatisierte Fertigprodukte. Gerade im Kleinkindalter bilden sich Ernährungs- und Essgewohnheiten, die langfristig Einfluss auf die Gesundheit haben. Zudem zeigen Untersuchungen, dass die Produkte – anders als behauptet – oftmals keine „besondere Eignung“ für Kleinkinder aufweisen, mitunter sogar Risiken bergen.

Im Kampf gegen Übergewicht und Fehlernährung fordert der vzbv die Herausnahme von Kleinkinderlebensmitteln aus der Verordnung für diätetische Lebensmittel. „Alle Lebensmittel müssen auch für Kleinkinder unschädlich sein“, sagt Evelyn Schmidtke.

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