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27.10.2009 > Onlinemeldung

Für gleiche Chancen und fairen Wettbewerb im Gesundheitswesen sorgen

Quelle: 
opolja - fotolia.com

Volle Wartezimmer, die bevorzugte Behandlung von Privatpatienten, Schwierigkeiten einen zeitnahen Termin bei Fachärzten zu bekommen oder hohe Zuzahlungen oder Vorauskasse sind für viele Verbraucher ein Ärgernis. Die Gesundheitsreform sollte hier Abhilfe schaffen.

Doch bisher sehen sich die Versicherten der Krankenkassen nur neuen Angeboten und Tarifen gegenüber. Von „einfacher“ und „gerechter“ spüren Patienten und Versicherte bisher wenig. Es fehlt an Transparenz, einheitlichen Qualitätsstandards und unabhängiger Information.

Das System der Krankenversicherungen ist neu zu ordnen. Ziel müssen gleiche Versicherungsbedingungen für alle mit vergleichbar guter medizinischer Versorgung sein. Die Vergütung von medizinischen Leistungen ist in allen Systemen anzugleichen, um Ungleichbehandlungen je nach Versicherungsstatus zu vermeiden. Konkret geht es um ein Reformkonzept für die Ausgestaltung eines solidarischen Gesundheitswesens und die Aufgabenteilung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung.

In Deutschland sind fast neunzig Prozent der deutschen Bevölkerung gesetzlich versichert (GKV); etwa 8,5 Millionen Menschen gehören einer Privaten Krankenversicherung (PKV) an. Seit 2009 gilt eine gesetzliche Versicherungspflicht für alle. Da die Wettbewerbsbedingungen beider Versicherungssysteme kaum vergleichbar sind, ist ein fairer Wettebewerb zwischen den Systemen allerdings nicht möglich.

In den vergangenen Jahren hat es Angleichungen zwischen beiden Systemen gegeben: die gesetzlichen Krankenkassen bieten wahlweise Selbstbehalt- und Beitragsrückgewährtarife an, während die PKV in den so genannten Basistarif jeden (ehemals) privat Versicherten zu GKV-Bedingungen auch ohne Gesundheitsprüfung aufnehmen muss. Darüber hinaus können Krankenkassen ihren Versicherten Zusatzversicherungen bei privaten Unternehmen zu günstigeren Konditionen vermitteln. Die Systemgrenzen bleiben indes erhalten.

Das Nebeneinander der Systeme führt zu einem Gerechtigkeitsdefizit, indem die sogenannten guten Risiken (Junge, gut Verdienende, allein Lebende, Gesunde) in eine Versicherungsform wechseln, die ihnen zunächst günstigere Bedingungen bei zum Teil besserer Leistung bietet. Mit dem Wechsel in die Privatversicherung sind diese Gruppen am Solidarausgleich zwischen Generationen und Einkommensgruppen nicht mehr beteiligt. Zugleich führt das Nebeneinander zu Verzerrungen in der Versorgung, denn die Leistungserberinger orientieren sich in ihrem Angebot und Service am Versichertenstatus ihrer Patienten, anstatt am medizinischen Bedarf.

Nachdem der Wettbewerb zwischen den gesetzlichen Krankenkassen Mitte der Neunziger Jahre eingeführt wurde, wird dieser nun ergänzt um einen Wettbewerb zwischen Leistungserbringern und Kostenträgern um verbesserte Angebote und günstigere Vertragskonditionen (Selektivverträge). Im Jahr 2007 existierten rund 4.550 Verträge zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern zur integrierten Versorgung mit etwa 5,2 Millionen Versicherten; dazu kommen Hausarztmodelle oder andere Formen der ambulanten Versorgung. Diese Entwicklung hat zusätzliche Wahloptionen für Versicherte und Patienten im Hinblick auf Versicherungs- und Versorgungsangebote eröffnet. Zugleich aber auch die Unsicherheit erhöht, weil über die Qualität der entsprechenden Verträge bisher keine unabhängige vergleichende Auskunft möglich ist. Wettbewerb im Gesundheitswesen setzt Transparenz über Qualität und unabhängige Vergleichsmöglichkeiten voraus.

Was brauchen wir?

  • Eine Neuordnung der Krankenversicherung. Wir brauchen gleiche Versicherungsbedingungen für alle mit vergleichbar gutem Zugang zur medizinischen Versorgung. Notwendig ist dazu die Entwicklung eines Reformkonzeptes für die zukünftigen Aufgaben und die Aufgabenteilung von/zwischen GKV und PKV.
  • Die Angleichung der Vergütung von medizinischen Leistungen, um Anreize für eine Ungleichbehandlung nach Versicherungsstatus zu vermeiden.
  • Entwicklung verbraucherorientierter Indikatoren zur Erfassung und Darstellung der Qualität der Leistungserbringer.
  • Im Sinne des Informationsfreiheitsgesetzes ist im Sozialgesetzbuch klarzustellen, dass Informationen über die Qualität von Leistungen und Einrichtungen, die bei der Behandlung von Patienten erhoben werden, sofern sie keinen Personenbezug aufweisen, ein öffentliches für alle frei zugängliches Gut darstellen.