Skip to content Skip to navigation Logo Verbraucherzentrale Bundesverband

14.09.2011 > Onlinemeldung

Ein beschleunigter Atomausstieg ist notwendig

Abschaltung muss nicht zu höheren Strompreisen führen
Quelle: 
opolja - fotolia.com

Die schweren Reaktorunfälle in Japan bestätigen die skeptische Position der Verbraucherverbände gegenüber der Atomenergie. Ein beschleunigter Atomausstieg ist notwendig – doch sollte dabei auf eine kosteneffiziente Stromversorgung geachtet werden, damit der Verbraucher nicht unnötig belastet wird.

Für die Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke hat es aus Verbrauchersicht keine hinreichende Begründung gegeben, denn die Beteiligten erwarteten dadurch nur geringe Auswirkungen auf die Strompreisentwicklung. Angesichts des extrem hohen Schadenspotentials war das politische Ziel einer geringfügigen Preisdämpfung völlig unakzeptabel.

Die nun heruntergefahrenen sieben ältesten Atomkraftwerke Brunsbüttel, Unterweser, Biblis A und B, Philippsburg 1, Neckarwestheim 1 und Isar 1 erzeugten im Jahr 2009 rund 32 TWh/a Strom. Sie lieferten damit einen Anteil von knapp 24 Prozent des deutschen Atomstroms und rund 5,5 Prozent des Bruttostromverbrauchs in Deutschland. Das Atomkraftwerk Krümmel mit einer Nettonennleistung von 1,3 GW und einer Kraftwerksverfügbarkeit im Jahr 2009 von rund 3 Prozent ist zurzeit ebenfalls abgeschaltet.

Versorgungssicherheit ist gewährleistet

Trotz des Ausfalls der Atomkraftwerke ist aktuell keine Stromlücke in Deutschland zu befürchten, die Versorgungssicherheit ist gewährleistet. Kurz- und mittelfristig kann der Wegfall der Atomstrom-Erzeugung durch eine höhere Auslastung der deutschen Kohle- und Erdgaskraftwerke ausgeglichen werden. Zudem exportiert Deutschland seit 2006 in großem Umfang Strom. Im Jahr 2010 betrug der Export 17 TWh. Das entspricht rund der Hälfte der Stromproduktion der acht abgeschalteten Atomkraftwerke.

Die Abschaltung muss nicht zwangsläufig zu einem höheren Strompreis für die Verbraucher führen. Die Unternehmen beschaffen sich den Strom in der Regel langfristig. Preissprünge und Preisdeltas heben sich dabei gegeneinander auf. Zudem werden rund zwei Drittel des Haushaltskundenpreises von einem Anstieg des Erzeugungspreises gar nicht berührt, weil Preisbestandteile wie Netzentgelte von den Erzeugungspreisen unabhängig sind. Sollte es infolge der Abschaltung aber trotzdem zu spekulationsbedingten Überreaktionen am Großhandelsmarkt kommen, ist die Bundesregierung gefordert, hiergegen mit preisaufsichtsrechtlichen Maßnahmen vorzugehen.

Sollten die sieben abgeschalteten Atomkraftwerke endgültig vom Netz genommen werden, wird mit langfristigen Kosteneffekten für die Haushaltskunden von 0,5 bis 1,0 Cent/kWh gerechnet. Dabei sind gegenseitige Kosteneffekte wie ein Sinken der EEG-Umlage, ein stärkerer Wettbewerb auf dem Erzeugungsmarkt oder möglicherweise steigende Preise der CO2-Zertifikate nur schwer zu prognostizieren. Bei einem vollständigen Ausstieg kann der Kostenanstieg auf 3 Cent/kWh begrenzt werden, wenn die kostengünstigsten Erneuerbaren Energien eingesetzt werden. 

Entscheidend für den künftigen Betrieb von Atomkraftwerken ist ihre Sicherheit, die Klärung der Frage der Haftung und die sichere Endlagerung des atomaren Abfalls sein. Die Kosten sind verursachergerecht und vollständig den Anlagenbetreibern zuzuordnen. Sind notwendige Nachrüstungen nicht wirtschaftlich, muss eine dauerhafte Stilllegung der betreffenden Anlage erfolgen. Eine Verkürzung der Laufzeit könnte sich zudem positiv auf die verkrusteten Strukturen im Erzeugungsmarkt auswirken und damit den Wettbewerb fördern.

Atomkraftwerke durch flexible und effiziente Gaskraftwerke ersetzen

Neben den erneuerbaren Energien müssen zusätzliche Kapazitäten vor allem durch den Zubau hocheffizienter Gaskraftwerke geschaffen werden. Träge Kohlekraftwerke und Atomkraftwerke erfüllen die Anforderungen an die künftig benötigte Flexibilität nicht. Ein hoher Anteil erneuerbarer Energien würde im bisherigen Preisbildungsmechanismus dazu führen, dass flexible Gaskraftwerke häufiger aus der Merit-Order herausfallen. Deshalb sind zusätzliche Anreize für Investitionen in Gaskraftwerke notwendig, die sich technisch besonders gut als Spitzenlastkraftwerke eignen.

Die im Energiekonzept vorgesehene Überprüfung einer Einführung von Kapazitätsmärkten ist zu begrüßen. Alternativ könnte auch die zusätzliche Förderung und systematische Planung des Ausbaus der Fernwärme auf Basis von Kraftwärmekopplung erheblich Anreize schaffen, die notwendigen Gaskraftwerke zu bauen. Zur Beibehaltung der Versorgungsicherheit sollte die Erdgasnutzung zu Heizzwecken stark zurückgefahren und stattdessen die freiwerdenden Mengen zur Stromerzeugung eingesetzt werden. Bei der Fernwärme sollte durch eine höhere Transparenz bei der Preisbildung zum Beispiel durch eine Entgeltregulierung die Akzeptanz bei den Verbrauchern erhöht werden.