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13.03.2014 > Dokument

Weltverbrauchertag: Smarte neue Verbraucherwelt?

Die digitale Gesellschaft zwischen Pioniertum und Apokalypse
Quelle: 
Peter Atkins – fotolia.com

„Wie wollen wir leben?“ fragte Ulrich Kelber, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz auf der Veranstaltung „Smarte neue Verbraucherwelt?“ des Verbraucherzentrale Bundesbands (vzbv) am 13. März 2014 in Berlin. Rund um diese elementare Frage entfaltete sich eine lebhafte Debatte über die digitale Gesellschaft von morgen. Von schnüffelnden Nachrichtendiensten über selbstfahrende Autos und digitale Patientenakten spannte die Veranstaltung einen breiten Bogen über die Zukunft der Privatsphäre, Selbstbestimmung und technischen Innovationen.

Mehr als 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen in die Kalkscheune nach Berlin Mitte, um den Beiträgen der Referentinnen und Referenten zu folgen. „Pioniertum oder Apokalypse“, diese beiden Pole stellte Helga Springeneer, Leiterin des Geschäftsbereichs Verbraucherpolitik beim vzbv zur Diskussion. Angesichts einer aufgeheizten öffentlichen Debatte über die neue smarte Vernetzung, die entweder Technik naiv bewundert oder zum Boykott des digitalen Lebens aufruft, scheine es kein Mittelmaß mehr zu geben. Springeneer appellierte an die Anwesenden, dass eine Koexistenz von innovativem Unternehmertum und individueller Anonymität erreicht werden müsse.

Der Parlamentarische Staatssekretär Ulrich Kelber betrachtet die Digitalisierung als eine der größten und spannendsten Herausforderungen unserer Gesellschaft. Dabei betont er, dass nicht alles, was technisch möglich sei, auch gemacht werden müsse. Er sieht die Politik selbst in der Pflicht, die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen, und beispielsweise das Verbandsklagerecht bei Datenschutzrechtsverstößen rasch umzusetzen. Europa könne mit seinen Standards Einfluss auf das weltweite Produktangebot und die internationalen Spielregeln nehmen. Kelber: „Ich hoffe, dass wir schnell auch die Wirtschaft als Partner im Kampf für eine europäische Datenschutz-Grundverordnung gewinnen.“

„Das Universum will, dass wir Geheimnisse haben“

Der kanadische Science-Fiction-Autor und Blogger Cory Doctorow richtete einen starken Appell an die deutschen Verbraucherschützer. Regierungen würden sich mehr darum bemühen, wie sie durch Hintertüren die Telefone und digitale Kommunikation aller anzapfen könnten, als sich Gedanken über deren Schutz zu machen. „Sicherheit ist ein Prozess und kein Produkt“, betonte Doctorow und unterstrich damit die Schwierigkeit, in der Dynamik ständiger technischer Neuentwicklungen überhaupt Sicherheit der eigenen Daten zu erreichen. Als Basis für eine freie Gesellschaft forderte Doctorow das Recht auf Privatsphäre: „Das Universum will, dass wir Geheimnisse haben.“

Selbstfahrende Autos und digitale Patientenakten

Der Mobilitäts- und Zukunftsforscher Prof. Stephan Rammler und der Medizininformatiker Prof. Peter Haas gewährten Einblicke, wie weit die Digitalisierung in den Bereichen Mobilität und Gesundheitsversorgung bereits gekommen ist. Während die Autoindustrie auf die Optimierung ihrer Fahrzeuge setze und zunehmend Computer auf vier Rädern produziere, die autonom fahren könnten, sieht Rammler die Zukunft der Mobilität vor allem in der Vernetzung: „Nachhaltige Mobilität erreichen wir nur, wenn wir die Vernetzung der Mobilität aller Verkehrsträger angehen und uns nicht aufs Auto fokussieren.“ Die Rechts- und Datenschutzfragen dürften dabei nicht in den Hintergrund geraten.

Prof. Peter Haas betonte, dass bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen eins nicht vergessen werden dürfe: „In der Medizin verwalten wir Schicksale, keine Schrauben. Daher haben wir einen besonders hohen Anspruch an Privacy.“ Datenschutz und Patientensicherheit müssten in Einklang gebracht werden. Der vereinfachte Austausch über digitale Patientenakten könne einerseits die Arbeit der Ärzte und die Versorgung der Patienten verbessern, dürfe aber die Sicherheit sensibler Daten nicht gefährden.

Autonomie in der vernetzten Welt bewahren

Peter Schaar, Vorsitzender der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz, sieht die Autonomie der Verbraucherinnen und Verbraucher in der vernetzten Welt in Gefahr: „Wie können wir Technik so gestalten, dass die Privatsphäre, die informationelle Selbstbestimmung und die Autonomie gewahrt bleiben?“ Verbraucher- und Datenschutz seien die Stellschrauben, um eine totale Überwachung der Verbraucher durch Unternehmen zu unterbinden.   

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