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17.11.2008 > Dokument

Prävention ist bester Schutz vor Antibiotika-Resistenzen

Quelle: 
Peter Atkins – fotolia.com

Anlässlich des Europäischen Antibiotika-Tages am 18. November präsentiert die Bundesregierung eine Strategie zur Erkennung, Prävention und Kontrolle von Antibiotika-Resistenzen in Deutschland sowie Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung. Zu dieser sogenannten Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART) gibt der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) zwei Stellungnahmen heraus. Sie finden diese im Download.

Hintergrund

Patienten in Deutschland schlucken pro Tag insgesamt 700 Kilogramm antibakteriell wirkende Medikamente, das sind pro Jahr 250 bis 300 Tonnen. Weitere 700 Tonnen Antibiotika nehmen deutsche Nutztiere im Jahr auf. Die Abbauprodukte dieser Medikamente gelangen über menschliche und tierische Fäkalien in Abwasserkanäle und Kläranlagen. In der Folge entwickeln sich bei Bakterien Resistenzen, was eine wirksame Behandlung von Krankheiten erschweren. Gleichzeitig sind Infektionskrankheiten weltweit die häufigste Todesursache. Zudem gelangen Antibiotika über den Pflanzenschutz in die Umwelt, wo sie nur schlecht abbaubar sind.

Um dem Problem wachsender Antibiotika-Resistenzen zu begegnen, ist es notwendig, dass Human- und Veterinärmedizin gemeinsam vorgehen. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat als Diskussionsgrundlage einen ersten Entwurf für eine nationale Sektorstrategie vorgelegt, die sich zunächst auf den Bereich der Humanmedizin beschränkt. Die Strategie der Bundesregierung wird in Kooperation mit dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) erstellt, das das Thema aus dem Veterinärbereich beleuchtet.

Die separaten Entwürfe des BMG und BMELV wurden seit September 2008 mit gesellschaftlichen Gruppen aus den Bereichen Gesundheit und Landwirtschaft diskutiert. Auch der Verbraucherzentrale Bundesverband hat sich an dieser Diskussion mit den vorliegenden Stellungnahmen beteiligt.

Positionen

Der Verbraucherzentrale Bundesverband begrüßt die Initiative der Bundesregierung zur Stärkung präventiver Maßnahmen gegen Antibiotika-resistente Erreger. Bereits im Jahr 2002 hatte die Europäische Kommission empfohlen, antimikrobielle Mittel umsichtiger zu verwenden.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband begrüßt die umfassende Herangehensweise des Bundesministeriums für Gesundheit, dass mit seinem Strategie-Entwurf in den vier Bereichen Überwachung, Prävention, Kooperation und Forschung eine große Zahl von Zielen, Teilzeilen und einen dezidierten Zeitplänen für das Zusammenwirken zahlreicher Akteure auf Bundes- und Landesebene vorgelegt hat.

Für Tiere und für Menschen gleichermaßen gilt: Der Schutz vor Infektionen muss bei der Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen die höchste Priorität haben.

Forderungen zum Humanbereich
  • Die Bundesregierung muss dringend den Wissens-Transfers im Bereich Antibiotika-Resistenz für Ärztinnen, Ärzte und andere Heilberufe fördern. Mit dem zur Prüfung vorgeschlagenen Instrument einer internetbasierten Plattform kann zusätzlich die erforderliche Zusammenarbeit der Akteure gefördert und überdies eine schnelle Wirkung neuer Erkenntnisse in der Praxis ermöglicht werden.

  • Ergänzend sollte sehr zeitnah eine breite Öffentlichkeitskampagne durchgeführt werden. Die unmittelbare Aufklärung der Öffentlichkeit verspricht Einfluss auf das Verordnungsverhalten der Ärzte (Einsparungen), bzw. die sachgerechte Einnahme der Medikamente. In Deutschland gab es hier in der Vergangenheit kaum Aktivitäten.

  • Die Bundesregierung berücksichtigt in ihrem Strategieentwurf nicht ausreichend den Vorrang der Prävention von Infektionen. Dieser ist für das Patientenwohl wesentlich.
    Da mit Zunahme von resistenten Erregern das potentielle Risiko steigt, an einer nicht therapierbaren Infektion zu erkranken, sollte die Bundesregierung ihre Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Thema Krankenhaushygiene stärker mit dem Handlungsfeld Antibiotika-Resistenz verzahnen.

  • Das mangelnde Engagement der Pharmaindustrie in der Entwicklung neuer Antibiotika betrachtet der Verbraucherzentrale Bundesverband als Marktversagen. Mehr Öffentlichkeit wäre auch hier sicherlich hilfreich, um die Hersteller an ihre Verantwortung zu erinnern.

Forderungen zum Veterinärbereich
  • Der Entwurf zur Antibiotikaresistenzstrategie für den Veterinärbereich beschreibt bislang überwiegend den Status Quo. Um zu einer tatsächlichen Strategie zu kommen, müssen nach Auffassung des Verbraucherzentrale Bundesverbandes verbindliche konkrete Maßnahmen für die Zukunft beschrieben werden. Dies kommt in dem Papier bisher deutlich zu kurz.

  • Resistenzen durch fehlerhafte Anwendung (Unter- und Überdosierungen, Verschleppung) müssen zukünftig ausgeschlossen werden. Fehldosierungen sind besonders bei Medikamenten der Fall, die über das Futter oder die Tränke verabreicht werden. Notwendig sind daher verbindliche Regelungen für die Anwendung von oral verabreichten Tierarzneimitteln.Bei Landwirten und Tierärzten muss ein entsprechendes Risikobewusstsein geschaffen werden. In der Tierhaltung gibt es zahlreiche positive Beispiele, wie Antibiotika richtig verwendet, beziehungsweise deren Einsatz minimiert werden kann. Auch die Diskussion der Negativbeispiele sollte öffentlich geführt werden. Die Erfahrungen sollten einer breiteren Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

  • Erfassung von Antibiotika-Verbrauchsmengen: Der Verbraucherzentrale Bundesverband fordert verbindliche Vorgaben zur Erfassung von Antibiotika-Verbrauchsmengen, da nur so vergleichbare und belastbare Zahlen und Erkenntnisse entstehen. Hierfür müssen Lebensmittelhersteller und Lebensmitteleinzelhandel einbezogen werden.

  • Antibiotika gelangen nach ihrer Verwendung im Veterinärbereich in Wasser und Boden. Sie sind auch in Pflanzen nachzuweisen, die auf Gülle gedüngten Flächen angebaut wurden. Antibiotikarückstände sollten daher in der Düngeverordnung in Form von zulässigen Höchstmengen und in der Verpflichtung zum Monitoring auf diese Substanzen berücksichtigen werden.

  • Daten zu Antibiotikaresistenzen müssen in einem öffentlichen Bericht zugänglich gemacht werden.

Stellungnahmen

Im Download finden Sie
  • Stellungnahme zur Strategie zur Erkennung, Prävention und Kontrolle von Antibiotika-Resistenzen in Deutschland, Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie (DART)

  • Kommentierung des Beitrages des Bundesverbraucherministeriums (BMELV) für eine nationale Antibiotikaresistenzstrategie (ABR-Strategie) für den Veterinärbereich

  • Strategieentwurf des BMELV zur Erkennung, Prävention und Kontrolle von Antibiotika-Resistenzen in Deutschland - im Veterinärbereich

  • DART - Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie der Bundesregierung (vom Bundesministerium für Gesundheit gemeinsam mit dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung)

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