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27.02.2008 > Dokument

Nachhaltige Bildung stärkt Handlungsoptionen für den Verbraucher

Quelle: 
Peter Atkins – fotolia.com

Vortrag auf dem Symposium der Sparkassen-Finanzgruppe / Wissenschaftsförderung "Finanzielle Bildung und nachhaltige Entwicklung" in Berlin
Gerd Billen, Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.

Verbraucher sollen auf dem Finanzmarkt nachhaltig agieren können
Damit Verbraucher auf dem Finanzmarkt nachhaltig agieren können, benötigen sie eine finanzielle Bildung als Grundausrüstung. Finanzielle Bildung soll sie zu einem sicheren Umgang mit den Finanzdienstleistungen befähigen sowie zu einem sachlichen, emanzipierten Umgang mit den Beratern und Vermittlern. Den so befähigten Verbrauchern müssen verantwortlich handelnde Sparkassen, Anbieter und Versicherer zur Seite stehen. Das bedeutet, dass Anbieter ihre Kunden fair zu behandeln haben und dass es keine Brüche gibt zwischen ihrem Engagement in der finanziellen Bildung und ihrem alltäglichen Kundenumgang. Schließlich muss der Staat den Verbrauchern einen Schutzrahmen bieten, der ihre grundlegenden Interessen und Rechte bewahrt. Zudem muss der Staat für eine hinreichende Infrastruktur von unabhängiger Beratung sorgen.

Finanzielle Bildung - die Grundausrüstung der Verbraucher
Die Wohlfahrtsverbände engagieren sich in der Schulden- beziehungsweise Überschuldungsprävention. Die Verbraucherverbände und Verbraucherzentralen unterstützen die Verbraucher dabei, sich in den verschiedensten Konsummärkten als Marktakteur zu begreifen und entsprechend selbstbewusst zu handeln. Die Sparkassen, Banken und Versicherer bieten Materialien, Kurse, Vorträge vor allem zur Budgetplanung, zum Vermögensaufbau und zur Geld- und Währungspolitik an.

Das Bildungsengagement der Sparkassen ist sehr positiv zu bwerten. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband hat sich schon sehr frühzeitig, nämlich vor einem halben Jahrhundert, der gesellschaftlichen Aufgabe gestellt, im Rahmen seiner Aktivitäten von "Geld und Haushalt" die finanzielle Allgemeinbildung in die Köpfe der Bundesbürger zu bringen. Die Angebote von "Geld und Haushalt" setzen an der Basis an, nämlich am Horizont eines durchschnittlich verständigen Verbrauchers. Die Angebote bedienen nicht nur Finanzthemen, sondern greifen auch andere konsumrelevante Bereiche und auch Nachhaltigkeitsthemen auf. Sie bieten den Verbrauchern praktische Hilfestellungen. Etwa Tipps zum sparsamen Haushalten, auch Tipps zum Energie einsparen. Der Vortragsservice von "Geld und Haushalt" arbeitet mit einer Vielzahl externer, unabhängiger Referenten. Wir erkennen auch an, dass die Bildungsangebote nicht mit der Werbung für hauseigene Finanzprodukte und Dienstleistungen verquickt sind.

Optimierungspotential im Bereich der finanziellen Bildung
Damit Projekte nachhaltig sein können, müssen sie auf ihren Bildungsnutzen evaluiert werden. Häufig umfasst die Projektfinanzierung aber nicht diesen wichtigen Aspekt. Synergieeffekte zwischen den verschiedenen Bildungsträgern werden noch nicht stark genug genutzt. Kooperationen und Vernetzungen sind ausbaufähig.

Wir vermissen staatliche Impulse, vor allem aus den Ministerien mit einer Zuständigkeit für Bildung:
  • Wir brauchen in allen Bundesländern eine verbindliche Verankerung von Verbraucherbildung in den Schulcurricula. Verbraucherbildung muss dabei lebenspraktisch vermittelt werden, die Erziehung zu kritischen Marktakteuren muss im Vordergrund stehen, genauso wie Nachhaltigkeitsaspekte.
  • Lehrer müssen auf diese neuen Aufgaben vorbereitet werden und der Staat muss in entsprechende Unterrichtsmaterialien investieren.
  • Die - richtige und wichtige - Botschaft des lebenslangen Lernens muss für Verbraucher noch mit entsprechenden Investitionsanreizen versehen werden.

Was kann finanzielle Bildung leisten?
Sie fördert vor allem ein verändertes Bewusstsein der Verbraucher:
  • Ihre Sinne werden für Kosten- und Risikostrukturen von Finanzprodukten geschärft.
  • Sie ermuntert Verbraucher, Finanzberater zu all den Punkten zu befragen, die man noch nicht verstanden hat.
  • Sie kann auch das Interesse an ethischen Geldanlagen wecken.

Aber selbst eine fundierte finanzielle Bildung überwindet nicht die Hürde, dass Verbraucher unter den momentanen Marktbedingungen nicht per se Zugang zu individuell passenden und preiswerten Finanzdienstleistungen haben. Bildung bewahrt auch Verbraucher nicht davor, einer Falschberatung mit allen Schadensfolgen aufzuerlegen.

Verantwortliches Verhalten der Anbieter
Der alltägliche Kundenumgang lässt ein verantwortliches Verhalten noch nicht hinreichend erkennen. Denken Sie allein an aktuelle Verbraucherprobleme,
  • rund um die Praxis des Scoring. Scoring ist die momentan eingesetzte Technik zur Bonitätsbewertung der Kunden, die in der Praxis den Verbrauchern den Vergleich verschiedener Angebote erschwert, und sie häufig mit hohen Kreditzinsen belastet.
  • Im Anlagegeschäft sind Verbraucher seit Jahren mit komplizierten Produktkonstruktionen konfrontiert. Anlage- und Versicherungsprodukt werden so miteinander verknüpft, dass selbst gebildete Verbraucher nicht mehr den Sicherheits-, Rendite- und Kostenfaktor dieses Produkts realistisch bewerten können.
  • Der wachsende Vertriebsdruck in den Banken und Sparkassen verhindert, dass den Kunden passende Produkte angeboten werden. Die Wirtschaftswoche, die kürzlich die Beratungsqualität von Banken und Sparkassen untersucht hat, spricht davon, dass für Kunden der Besuch einer Bankfiliale unter dem Joch des Vertriebsdrucks zum unkalkulierbaren Risiko werden kann.

Wir fordern von den Anbietern einen fairen und verantwortungsvollen Umgang mit ihren Kunden.
Gefragt ist vor allem eine Kohärenz zwischen dem Engagement der Banken, Sparkassen und Versicherer in der finanzielle Bildung der Verbraucher und ihrem alltäglichen Kundenumgang. Das Engagement in der finanziellen Bildung macht einen unfairen, unangemessenen Kundenumgang nicht wett. Hier besteht vielmehr die Gefahr eines "Greenwashing". Auch im Finanzsektor entwickeln Verbraucher zunehmend ein Bewusstsein für ein nachhaltiges Verhalten der Banken und Versicherer. Die gesamte "Dienstleistungskette" muss stimmig sein. Dies gilt erst recht für ethische Geldanlageprodukte, die einen Zukunftsmarkt darstellen.

Öko-Transparenz" im Anlagegeschäft stärken
Immer mehr Verbraucher - sicherlich noch nicht genug - möchten zum Beispiel ihre persönliche Altersvorsorge mit der gesellschaftlichen Zukunftsvorsorge verbinden. Um hier eine nachhaltige Investitionsentscheidung treffen zu können, sind Verbraucher auf transparente und belastbare Informationen angewiesen und zwar über die von der Investmentbank verfolgten ethischen, sozialen und ökologischen Anlagekriterien, genauso wie über die Nachhaltigkeitsstrategie der Unternehmen, in die der Investmentfonds investiert.

Ähnlich wie heute immer mehr Verbraucher bei Konsumprodukten ein "zweites Preisschild" erwarten, das verlässlich und vergleichbar Auskunft über die ökologische und soziale Qualität der Produkte gibt, brauchen wir auch bei der ethischen Geldanlage klare Berichtspflichten und eine unabhängige Kontrolle, inwieweit die beworbene Nachhaltigkeitsstrategie auch tatsächlich eingehalten wird.

Staatliche Vorgaben
Der faire und verantwortungsvolle Umgang mit Verbrauchern ist alleine über freiwillige Selbstverpflichtungen der Anbieter nicht zu bewerkstelligen. Hier ist auch die ordnungspolitische Hand des Staates gefordert, nicht nur um grundlegende Verbraucherinteressen zu schützen, sondern überhaupt um Verbrauchern ein nachhaltiges Verhalten im Finanzmarkt zu ermöglichen.
Folgende staatliche Vorgaben sind etwa gefragt:
  • Verbrauchern sind alle Kosten eines Finanzprodukts offen zu legen.
  • Wir brauchen Vorgaben für einheitliche vorvertragliche Informationen über die Wesensmerkmale von Finanzprodukten.
  • Im Bereich der Geldanlage brauchen wir eine Beweislastumkehr. Nicht der Verbraucher muss die Falschberatung beweisen, sondern der Anbieter muss beweisen, dass er fehlerfrei beraten hat.
  • In diesem Zusammenhang müssen auch die Verjährungsfristen wieder verlängert werden. Bei komplizierten Finanzkonstrukten hat der Verbraucher ansonsten nicht die Chance, die Fehlberatung so rechtzeitig zu erkennen, dass er auch noch den Schaden geltend machen kann.
  • Die aktuellen Turbulenzen auf den Finanzmärkten machen deutlich, dass die Finanzaufsicht so zu gestalten ist, dass auch Verbraucherinteressen berücksichtigt werden.
  • Wir brauchen Mindeststandards für faire Bonitätsprüfungen, die dem Recht der Verbraucher auf informationelle Selbstbestimmung zur Geltung verhilft.
  • Vor allem dort, wo der Staat wie etwa bei der Rente lange Zeit allein verantwortlich war, muss er nach seinem Teilausstieg zumindest für eine hinreichende Infrastruktur von unabhängiger Beratung der Verbraucher sorgen.

Finanzielle Bildung darf keine Alibifunktion einnehmen. Voraussetzung für echte Handlungsoptionen der Verbraucher ist ein intelligenter Mix aus Bildungsangeboten und parallelen Anstrengungen beim Ausbau des Verbraucherschutzes.

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