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15.09.2007 > Dokument

Lebensmittel - Geiz ist geil oder Qualität?

Quelle: 
Peter Atkins – fotolia.com

Ein Kommentar von vzbv-Vorstand Gerd Billen in der vpk - Verbraucherpolitische Korrespondenz (September 2007 Nr.11)

Steigende Lebensmittelpreise: Molkereiprodukte und Geflügel sind im Vergleich zum Vorjahr deutlich teurer geworden. Ein gegenläufiger Trend ist nicht in Sicht. Bei Fleisch wird eine 30-prozentige Teuerung prognostiziert. Im europäischen Vergleich gehört das Preisniveau von Lebensmitteln in Deutschland jedoch immer noch zu den niedrigsten.

Nach Milch und Butter nun auch Fleisch: Die Lebensmittelbranche läuft Gefahr, in das gleiche kommunikative Desaster zu geraten wie die Energieversorger. Die Verbraucher können nicht erkennen, ob hier eine gerechtfertigte Preiserhöhung vorliegt. Wir glauben, dass im Windschatten der Diskussion viele Unternehmen versuchen, den einen oder anderen Euro aufzuschlagen. Die Lebensmittelbranche ist deshalb jetzt gefordert, genau darzulegen, warum solche Preissteigerungen notwendig sind. Nur bei mehr Transparenz wird das Verständnis für Preiserhöhungen wachsen.

Verbraucher wollen wissen, wo die Produkte herkommen, wie sie transportiert wurden und unter welchen ökologischen und sozialen Bedingungen sie hergestellt wurden. Entscheidend ist daher, dass wir die aktuelle Diskussion nutzen, um diese "inneren Werte" von Lebensmitteln stärker in den Vordergrund zu rücken. Denn wenn klar ist, dass die Mehreinnahmen auch wirklich bei den Landwirten ankommen und sie in die Qualität und Sicherheit der Lebensmittel investiert werden, sind die Verbraucher bereit, mehr zu zahlen. Die Eierkennzeichnung und das Bio- Siegel sind gute Beispiele: Sie haben das Nachfrageverhalten deutlich verändert. Wichtig ist aber auch, dass sich sozial schwache Haushalte qualitativ gute Lebensmittel leisten können. Wenn der steigende Trend der Lebensmittelpreise anhält, müssen auch die Sozialleistungen entsprechend angepasst werden.

Neu ausrichten müssen sich auch die Ziele der Agrarpolitik. Die Zeiten der Milchseen und Butterberge sind vorbei. Wenn die Nachfrage steigt, macht es keinen Sinn, die Produktion künstlich zu bremsen. Die Subventionierungen und Quotierungen der europäischen Agrarpolitik gehören demnach auf den Prüfstand. Die europäischen und nationalen Förderprogramme müssen einen weiteren Punkt im Auge haben: In der zunehmenden Konkurrenz auf den Äckern zwischen "Brot und Energie" dürfen die Lebensmittel nicht auf der Strecke bleiben. Schon jetzt ist ein Sechstel der Felder mit nachwachsenden Rohstoffen für die Energienutzung besetzt. Tendenz steigend. Hier brauchen wir eine zukunftsfähige Strategie. Was bringt uns am Ende finanziell und ökologisch vorteilhafter Sprit, wenn als Kehrseite der Medaille die Preise für Lebensmittel steigen und deren Qualität sinkt. Auch die Tatsache, dass wir Biolebensmittel importieren müssen, um die Nachfrage zu Hause zu decken, ruft nach einer Neujustierung der Agrarpolitik. Der Umstieg zur ökologischen Produktion darf nicht künstlich erschwert, sondern muss durch Umstellungshilfen forciert werden.

Am Ende entscheidet der Konsument dann an der Ladentheke. Und hier dürfen Lebensmittel nicht billig, sondern ihren Preis wert sein. Und "preiswert" heißt gerechte und faire Preise, von denen alle profitieren.

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