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12.12.2013 > Pressemitteilung

Anlageprodukte gehen am Verbraucherbedarf vorbei

Aktuelle Untersuchung: Fast jedes zweite Produkt nicht passend
Quelle: 
pure-life-pictures - fotolia.com
Viele Verbraucherinnen und Verbraucher verfügen nicht über die Anlageprodukte, die ihrem Bedarf entsprechen. Das belegt eine aktuelle Untersuchung der Initiative Finanzmarktwächter von 298 Fällen aus der Beratungspraxis der Verbraucherzentralen. Danach war nahezu jedes zweite Produkt nicht bedarfsgerecht – weil etwa zu teuer, zu unrentierlich, zu unflexibel oder zu riskant. Ursachen sehen der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) und die Verbraucherzentralen unter anderem in der schlechten Beratungsqualität, die auch zum Vertrieb mangelhafter Produkte führt. Die Initiative Finanzmarktwächter des vzbv und der Verbraucherzentralen hat 298 ausführlich dokumentierte Fälle aus der Beratungspraxis von fünf Verbraucherzentralen systematisch unter die Lupe genommen. Es wurde geprüft, ob die Geldanlagen und Altersvorsorgeverträge, die die Ratsuchenden zum Zeitpunkt der Beratung schon besaßen oder die ihnen aktuell von Banken und Finanzvertrieben angeboten worden waren, dem individuellen Bedarf entsprechen. Das zentrale Ergebnis: Bei den bereits erworbenen Produkten waren 42 Prozent nicht bedarfsgerecht, bei jedem zweiten lag dies an den zu hohen Kosten. Bei den aktuell und neu angebotenen Produkten fielen sogar 87 Prozent durch. Grund waren in 73 Prozent der Fälle die zu hohen Produktkosten. „Unsere Beobachtungen sind alarmierend, zumal das Verhalten der Finanzberater in vielen Fällen direkt zu Lasten der privaten Altersvorsorge der Sparer geht“, sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Schlechte Beratungsqualität, ineffiziente Produkte       

„Finanzberater sind heute in Wirklichkeit keine Berater, sondern schlicht Verkäufer“, sagt Dorothea Mohn, Teamleiterin Finanzen im vzbv. In der Anlageberatung führt insbesondere der provisionsbasierte Vertrieb zu Interessenkonflikten, die in Fehl- und Falschberatungen münden. Die angebotenen Produkte sind zudem häufig mit zu hohen Kosten belastet, die die Rendite schmälern. Weiterhin zeigt die Untersuchung, dass Verbraucher, die sich zur Geldanlage und Altersvorsorge beraten lassen, nicht über die nötigen Kenntnisse verfügen, um komplexe Produkte und Anlagestrategien mit einem langen Zeithorizont selbst beurteilen und bewerten zu können. Sie entscheiden sich vielfach nicht für ein Produkt, weil sie dessen Funktionsweise und Risiken wirklich verstanden haben und von diesem überzeugt sind. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sie darauf vertrauen, von Banken, Sparkassen oder Finanzvertrieben gut beraten zu werden.

„Der Gesetzgeber geht einer Lösung dieser Probleme seit Jahren aus dem Weg. Dabei brauchen Verbraucher heute so dringend wie nie zuvor Beratung, auf die sie sich wirklich verlassen können“, sagt Dorothea Mohn. Der vzbv empfiehlt der künftigen Bundesregierung, folgende Maßnahmen anzugehen:

Bessere und qualifizierte Beratungen statt nur mehr Informationen – Mehr Klarheit lässt sich nicht allein durch Informationsblätter schaffen. Die Beratungsqualität muss gestärkt werden.
Sicherung der Beratungsqualität – Es bedarf hoher Standards, mit denen die Beratungsleistung präzisiert und die Beratungsqualität sichergestellt wird. Die bisherige gesetzliche Anforderung der „Geeignetheit der Anlageempfehlung” ist nicht ausreichend und durch eine Pflicht zum „Best Advice“, der bestmöglichen Anlageempfehlung, zu ersetzen.
Trennung von Beratung und Verkauf – Eine Beratung muss sich ausschließlich an den Bedürfnissen der Verbraucher orientieren. Sie ist frei von Provisionsinteressen zu gestalten und klar vom Produktverkauf abzugrenzen.
Hohe Qualifikationsanforderungen für Anlageberater – Es sind klare Qualifikationsanforderungen für Finanzberater vorzuschreiben, die sich in einer ordentlichen, fachlichen Berufsausbildung oder Studium niederschlagen müssen.
Wirksame Aufsicht auf Ebene der Dienstleistung etablieren – Für Verbraucher ist es kaum möglich, die Qualität der Finanzberatung zu bewerten. Um Falsch- und Fehlberatung vorzubeugen, ist die Marktüberwachung auf die Qualität der Finanzberatung auszudehnen.
Einführung eines staatlichen Altersvorsorgefonds – Da Verbraucher eine Finanzberatung oft nur deshalb benötigen, weil sie für das Alter vorsorgen müssen, sollte ihnen der unkomplizierte Zugang zu einem bedarfsgerechten privaten Basisprodukt zur privaten Altersvorsorge (staatlicher Altersvorsorgefonds) ermöglicht werden. Dieser sollte professionell und vor allem kostengünstig verwaltet werden.

Initiative Finanzmarktwächter

Mit der Initiative Finanzmarktwächter machen der Verbraucherzentrale Bundesverband und die Verbraucherzentralen seit 2011 auf Missstände im Finanzmarkt aufmerksam. Die Initiative beobachtet und analysiert den Markt, wertet Verbraucherfälle aus und entwickelt Handlungsempfehlungen für einen verbraucherfreundlichen Finanzmarkt.

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